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„UNSER FRÜHLING, EUER HERBST“
Von Marcin Rogozinski, Poznan
Es ist eine symbolträchtige Geste: Bei der offiziellen Gedenkfeier zum Mauerfall am 9. November in Berlin stößt der frühere polnische Präsident Lech Wałęsa einen der ersten Mauersteine einer langen Reihe von Dominosteinen aus Styropor an. Auf dem 2,5 Meter hohen Mauerblock aus Styropor ist der Grenzumriss Polens, ein Hammer und der Satz „Es hat in Polen angefangen.“ zu sehen. „Der Fall der Berliner Mauer hat uns mit effektiven Bildern versorgt, doch alles hat in den polnischen Werften angefangen“, sagt Lech Wałęsa in einem Zeitungsinterview. „Wir haben den Kommunismus gestürzt.“
Dem Ex-Präsidenten aus Danzig gelingt es damit am 9. November am Brandenburger Tor, der Welt zu zeigen, dass Polen Vorreiter der demokratischen Veränderungen vor 20 Jahren war. Dieselbe Botschaft versuchte Polen bereits das ganze Jahr in Deutschland zu verbreiten. Es feierte am 4. Juni die ersten halbfreien Wahlen. Mitte September erinnerte man sich an den Start der ersten nichtkommunistischen Regierung in Osteuropa, die Tadeusz Mazowiecki anführte. Da sich im Rest des Jahres keine weiteren nennenswerten Ereignisse von 1989 jähren, schließt sich Polen dem Jubel des 9. Novembers in Berlin an. So wird der Mauerfall zu einem wichtigen Bestandteil des polnischen Gedenkjahres 2009.
Der polnische Regierungschef Donald Tusk beteiligt sich zusammen mit den anderen Regierungs-und Staatschefs an den offiziellen Feierlichkeiten am Brandenburger Tor. Er betont zwei Tage zuvor wie üblich, die Ursprünge der Wende seien in Danzig zu suchen. „Es sind keine polnischen Flausen, sondern ein allgemein anerkannter Fakt“, sagt Tusk in Begleitung des spanischen Premiers Jose Zapatero. „Die Freiheit in diesem Teil des Kontinents und die daraus folgende Wiedervereinigung Deutschlands hat 1980 in der Danziger Werft begonnen.“ Lech Kaczynski distanziert sich erneut vom 9. November. Am Tag des Mauerfalls sagt der national-konservative Staatspräsident im südpolnischen Nowy Sącz: „Ich will nochmals betonen, dass Polen der Erstling war, dass der 4. Juni und der 12. September 1989 für die Geschichte Europas nicht von einer kleineren Bedeutung sind. Im Gegenteil, diese Daten bedeuten mehr als der 9. November.“
Experten für deutsch-polnische Beziehungen versuchen zu erklären, warum die Politiker in Warschau auf den nationalen Egoismus nicht verzichten können. „Man will hierzulande nicht verstehen, dass aus Sicht des alliierten Westens der Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands von einer größeren Bedeutung waren als die erste Wahl in Polen“, sagt Professor Andrzej Sakson, Direktor des West-Instituts in Posen. „Durch innenpolitische Streitereien hat Polen die Chance verpasst, um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie wichtig die Ereignisse vor 20 Jahren für die europäische Geschichte waren.“ Was Professor Sakson am Jubiläumsjahr fehlt, seien gemeinsame deutsch-polnische Feierlichkeiten, die die europäische Einheit ausdrücken würden.
Rund 150 Jugendliche aus Polen begleiten den Ex-Präsidenten Wałęsa bei der Domino-Aktion. Die Schüler und Studenten nehmen an einem Jugend-Projekt teil, das von der Initiative „Razem 89“ („Gemeinsam 89“) vorbereitet wurde. Es will deutsche und polnische Jugendliche durch Diskussionen über die Ereignisse von 1989 zusammenbringen. Die jungen Leute kommen nicht nach Berlin, um die Welt zu überzeugen, dass Polen vor Deutschland die Revolution entfachte. Sie wollen sich gemeinsam über die Erfolge freuen und sich an gesamteuropäischen Feiertagen beteiligen. „Wir distanzieren uns von den Kommentaren aus den Regierungskreisen“ – sagt Hanna Wasko, eine Sprecherin von „Razem89“ „Erinnerung an das Jahr 1989 ist keine Wahlkampagne. Für uns als Bürgerinitiative ist es nicht so wichtig, wo es angefangen hat, sondern dass es gelungen ist.“
Ende September nimmt eine andere Gruppe von Schülern und Studenten an einem Ausflug nach Danzig und Berlin teil. Im Geburtsort der „Solidarność“ erforschen sie die Spuren aus der Zeit der Wende. An der Spree treffen sie zu Gesprächen, Workshops und Besichtigungen mit deutschen Kollegen zusammen. Die Jugendlichen tauschen ihre Erfahrungen sowie Erinnerungen an das Jahr und die Entwicklung danach aus. „Wir können aus der gemeinsamen Geschichte auch Gutes und Freudiges lernen“, erklärt Bartek Czerwinski, Gymnasiast aus Posen, der sich am Projekt beteiligt.
Dass die Jugendlichen eine wichtige Zielgruppe der Erinnerungsarbeit in Polen sind, davon zeugen auch andere Initiativen. Einige interessante Veranstaltungen finden am Ende des Jubiläumsjahres 2009 statt. Die Vereinigung der polnischen Jugendlichen (Mloda RP) organisiert die Ausstellung „Die Schönen und das Zwanzigjährige“. Sie wird zwar an der Warschauer Universität eröffnet, es handelt sich aber um eine weit angelegte Kunstaktion, die das Internet sowie die Warschauer U-Bahn, Schulen und Galerien umfasst. „Das Ziel der Ausstellung ist es, die junge Generation der Polen zu zeigen“, erklärt Marcin Żukowski, Vorstandvorsitzender der „Mloda RP“. Zehn Bilder von jungen Männern und Frauen wurden jeweils mit verschiedenen Slogans versehen: „Ich bin frei, kann falsche Entscheidungen treffen“ oder „Ich kann über das Wetter, nicht die Warteschlangen klagen“.
An junge Leute richtet sich auch das historische Projekt „1989 – Bilder des Umbruchs“. Das gesamteuropäische Netzwerk „EUstory“ hatte zusammen mit „Razem89“ einen Wettbewerb für Schüler aus allen Mitgliedsländern der EU ausgeschrieben. Die schriftlichen Arbeiten sollen die Ereignisse aus den Jahren 1980 bis 1989 thematisieren und in einer Publikation veröffentlicht werden. Eine nennenswerte Ausstellung der jungen Kunst organisiert die Edita Stein-Gesellschaft in Breslau. Die Exposition „Horizont“ präsentiert Werke von Studenten aus mehreren Ländern, die sich mit Themen um das Jahr 1989 in Breslau, Prag, Dresden und Bratislava befassen. Auch eine Präsentation des Films „Die Generation 89“ und eine Diskussion mit der Regisseurin sind vorgesehen. Zum 20. Jahrestag der Wende findet im November in Warschau das Multimedia-Festival „Das Jahr 1989 in Europa“ statt. Die Veranstaltung zeigt Dokumentar- und Spielfilme über die Umbruchzeit.
Anlässlich des Jubiläumsjahres finanzieren die Stiftung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit und das Polnische Institut die Produktion des Films „Tschüss DDR! Über Warschau in die Freiheit“. Die Dokumentation zeigt Geschichten einiger DDR-Bürger, die kurz vor dem Mauerfall über die westlichen Botschaften in Warschau in die BRD geflohen sind. Die Deutschen erzählen über ihre Fluchtentscheidungen, den Weg nach Polen und auch die Hilfe polnischer Bürger. Vor der Kamera treten als Zeitzeugen Tadeusz Mazowiecki und der erste nicht-kommunistische Außenminister Krzysztof Skubiszewski auf, sowie Jürgen van Zwoll, der letzte Botschafter der DDR in Polen. Mit den deutsch-polnischen Beziehungen setzt sich auch das Diskussionsforum „Der Umbruch des Jahres 1989“ auseinander. An der von der Konrad Adenauer Stiftung unterstützten Veranstaltung beteiligten sich unter anderem Horst Teltschick, Berater von Helmut Kohl, und Janusz Reiter, der ehemalige Botschafter in Deutschland.
Die Berliner Mauer fällt auch in Warschau. Am 9. November zerstören die Warschauer eine von Kunststudenten angefertigte Nachbildung des „antifaschistischen Schutzwalls“ aus Gips und Karton im Zentrum der polnischen Hauptstadt. Das Happening wird durch die Robert Schumann Stiftung und die Deutsche Botschaft vorbereitet. Im westpolnischen Posen können die Einwohner auf dem Alten Markt eine Bilder-Ausstellung über die Ereignisse vom 9. November in Berlin anschauen.
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