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Newsletter No. 3 - Slowakei Print
Tuesday, 01 December 2009 

JEDER MÖCHTE EIN HELD GEWESEN SEIN

Von Steffen Neumann, Bratislava

„Freiheit ist das, was dich am meisten irritiert“, schreit am 17. November ein Chor aus gut 1500 Kehlen im Park für Kultur und Erholung direkt an der Donau in Bratislava den bekannten Song „Sloboda“ (Freiheit) der Band „Živé Kvety“ (Lebendige Blumen) mit. Sie und noch viel mehr vor allem junge Leute sind der Einladung zum „Konzert für alle, die etwas bemerkt haben“, gefolgt. Das Konzert ist eine Gegenveranstaltung des Musikers Michal Kaščak zur Ignoranz des Staates. An dessen Spitze steht Premierminister Robert Fico, der mit dem Ausspruch berühmt wurde, von der Revolution 1989 „nichts mitbekommen zu haben“.

In dieser seltsamen Atmosphäre findet das Gedenken an den Beginn der „Sanften Revolution“ am 17. November statt. Da es für Premier Fico nichts zu feiern gibt, überlässt er das Feld anderen und fährt folgerichtig außer Landes. Am 16. November trifft er sich mit Vladimir Putin in Moskau. Mit seinem russischen Amtskollegen hat er das Bestreben gemein, größtmögliche Kontinuität zur Zeit vor 1989 herzustellen, eben als ob es den „November“ nicht gegeben hätte. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Putin zu den großen Vorbildern Ficos gehört.

Am 17. November weilt Fico dann am University College in London, wo er studiert hat und sich nun eine Vorlesung erbat. Von da aus wirft er zum wiederholten Male den Führern der Revolution vor, sich mit den Kommunisten über die Regierung geeinigt zu haben. „Da spielten klar wirtschaftliche Interessen eine Rolle“, wird er zitiert.

Sehr empfindlich reagiert in Bratislava sein Parteikollege und Parlamentspräsident Robert Paško, als die Vertreter der Opposition sich vorzeitig von seiner Feier anlässlich des 17. November verabschieden. Sie gehen, nachdem wiederholt ehemalige Kommunisten ihren Anteil an der friedlichen Revolution hervorgehoben hatten. Auch Paško sieht sich durch den Auszug der Opposition in seiner Rolle als Revolutionär beleidigt. Darüber hinaus gibt es nur noch eine staatliche Veranstaltung von Präsident Ivan Gašparovič, die aber ein Spiegelbild der gesamten Feiern ist: „Sag mir, mit wem Du feierst, und ich sage Dir, welche Rolle Du damals gespielt haben willst.“ Jeder bemüht sich, der Hauptheld der damaligen Revolution gewesen zu sein, und gedenkt der Ereignisse auf seine Weise. Der Kampf um das Erbe des 17. November ist in der Slowakei voll entbrannt.

Über den Tellerrand der slowakischen Eitelkeiten versucht die prominent besetzte Mitteleuropa-Konferenz zu blicken. Veranstalter ist der Verein Projekt Fórum um die Publizisten Marta Šimečková und Martin M. Šimečka. Schon die Teilnehmer, unter ihnen Václav Havel, Karel Schwarzenberg, Slavenka Drakulić, György Konrád, Adam Michnik, Timothy Snyder, Robert Menasse, Ingo Schulze und Viktor Jerofejew, zeigen den internationalen Zugang der Konferenz, die sich um einen mitteleuropäischen Blick auf den Stand der Demokratie bemühte.

Das gelingt nur teilweise. Die Gesprächsrunden sind überbesetzt, eine Diskussion kommt nicht zustande. So bleibt es bei Statements. Bei der Runde mit Václav Havel wiederum dominiert der frühere tschechoslowakische Präsident, die anderen, nicht weniger bekannten Redner kommen kaum zu Wort. Der Versuch, die friedliche Revolution zu einem gesamteuropäischen oder wenigstens mitteleuropäischen Ereignis zu machen, hat Logik. Doch letztlich erweisen sich die einzelnen Erfahrungen in den Ländern als wenig kompatibel. Die überwiegend slowakischen Zuhörer wollen vor allem die ihnen nahen Probleme, die große Ignoranz der slowakischen Regierung thematisieren. Die Stimmung ist oft desillusioniert. Am stärksten erweisen sich letztendlich die Beiträge der „Außenstehenden“. „Ich gratuliere Ihnen zu 20 Jahren friedlicher Revolution, obwohl ich das Gefühl habe, dass das hier eine ziemlich traurige Veranstaltung ist“, grüßt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew die „Revolutionäre“ und macht ihnen Mut. Europa zeichne sich gerade durch die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstanalyse aus.

Die Konferenz ist nicht der einzige Versuch einer erweiterten Perspektive. Speziell die deutsche Situation wird in zwei Veranstaltungen dargestellt. Im Nationalmuseum werden die Bilder des Fotografen Claudio Hils ausgestellt, die er 1989 vor allem in der ehemaligen DDR aufgenommen hat. In der Universität wiederum wird in Anwesenheit der Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR, Marianne Birthler, eine Ausstellung über die Staatssicherheit eröffnet.

Auch ein neues Denkmal wird zum 17. November eingeweiht: ein Herz aus Stacheldraht, das „Herz Europas“. Dieses Kunstwerk war spontan beim Marsch gegen den Eisernen Vorhang ins österreichische Hainburg am 10. Dezember 1989 entstanden, später aber verschwunden. Das neue Herz wird als Replik auf dem Hviezdoslav-Platz eingeweiht, wo 1989 die großen Demonstrationen stattfanden, danach versetzt man es jedoch an das Donauufer am Nationaldenkmal Devin nordwestlich der Hauptstadt.

„Für mich hat dieser Tag mein Leben verändert“, sagt der Musiker Michal Kaščák, der am gleichen Abend das „Konzert, für alle, die etwas bemerkt haben“ veranstaltet und selbst mit seiner Band „Bez ladu a skladu“ (Ohne Eis und Lager) auftritt. Die legendären „Plastic people of the universe“ eröffnen das Konzert pünktlich um 17.11 Uhr. Dass die Prager Undergroundband nicht in Prag, sondern in Bratislava auftritt, darf als weiterer Adelsschlag der slowakischen Helden von 1989 gelten. Denn bisher standen die Erinnerungen an 1989 meist im Schatten der Prager Helden um Václav Havel.

Dass die Slowakei durchaus eine eigene Revolutionsgeschichte hat, kommt auch im Film „Dobre ráno, Slovensko“ (Guten Morgen, Slowakei) von Peter Zajac, Fedor Gál und Martin Hanzlíček zum Ausdruck, der im Rahmen des Konzertes vorgestellt wird. Den Namen haben sich die Schöpfer von einem der Wahlslogans der „Öffentlichkeit gegen Gewalt“ geliehen. Der Film wird derzeit im ganzen Land vorgestellt, das Publikum ist auffällig jung. Die Reaktionen auf den Film und zugleich die aktuelle politische Situation zeigen eine gewisse Ratlosigkeit. „Warum habt ihr zugelassen, dass die Kommunisten hier immer noch an der Macht sind?“, fragt ein junger Mann in Anspielung auf Robert Fico und seine Parteikollegen, die damals in der Kommunistischen Partei kurz davor waren, Karriere zu machen. „Wie schaffen wir es, dass man sich in diesem Land wieder für Politik engagieren kann?“, fragt eine Frau.

Für Lucie Piussi, die Sängerin von „Živé kvety“, ist das Konzert im Park für Kultur und Erholung die eigentliche Revolutionsfeier. In der Tat, es ist die am besten besuchte Veranstaltung zum Jubiläum. „Die Leute kommen hierher und zahlen dafür. Zu einer kostenlosen Aktion kann jeder gehen“, begründet Piussi. Dass ihr Lied „Sloboda“, das sie vor vier Jahren schrieb, inzwischen zur Hymne der friedlichen Revolution avanciert, wundert sie durchaus. Sie hatte den Text in Reaktion auf die geradlinigen Karrieremacher im Land geschrieben. „Das sind eigentlich Bauernsöhne, die sich durch nichts überraschen lassen, die nie von ihrem Weg abkommen und für die auch eine Revolution wie 1989 nur Zwischenfälle sind“, erzählt die kleine Frau mit der starken Stimme.

„Freiheit ist das, was dich beleidigt und aufregt.“ Piussis Text erklingt auch in der gemeinsamen Ausstellung von Nationalmuseum, Staatssicherheitsbehörde, Parlament, Nationalarchiv und Kulturministerium auf der Burg von Bratislava. Dort wurde der Zusammenhang zwischen Text und 1989 bereits direkt hergestellt, denn das Lied bildet den Abspann des Dokumentarfilms „November +20“ über die Revolution. Obwohl die Kuratoren sorgfältig und der Ort bewusst ausgewählt wurden, ist die Ausstellung wenig repräsentativ. Es überrascht vor allem das schmale Angebot. 13 Tafeln, davon eine zur internationalen Situation, halten die Ausstellungsmacher für ausreichend. Die Revolution wird nur in Stichworten abgehandelt. Auch in Reaktionen auf die Ausstellung beklagen viele, dass die Revolution auf halbem Weg stehen geblieben und bis heute unvollendet sei. Dieser Tenor zieht sich durch alle Reaktionen auf das Gedenken an die Revolution.