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Newsletter No. 3 - Deutschland Drucken
30.11.2009 

KRITIK AM MEDIENSPEKTAKEL 9. NOVEMBER

Von Benjamin Haerdle, Leipzig

Die Feierlichkeiten in Berlin am 9. November in Gedenken an den Fall der Mauer sind der politische Höhepunkt des Jubiläumsjahres. In einem Staatsakt gedenkt die Bundesregierung mit mehr als 30 Staats- und Regierungschefs aus dem Ausland, Bürgerrechtlern und Zeitzeugen auf mehreren Veranstaltungen den Ereignissen vor 20 Jahren. Am Vormittag spazierte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Mitbegründer der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc Lech Walesa, dem ehemaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow sowie zahlreichen Bürgerrechtlern wie Joachim Gauck und Marianne Birthler über den ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße. Dort ging damals gegen 23.30 Uhr erstmals der Schlagbaum an der innerdeutschen Grenze hoch.

In zahlreichen Reden gedachten an diesem Abend Politiker der Ereignisse vor 20 Jahren. „Alles hätte anders kommen können, wenn nicht eine mutige Bürgerrechtsbewegung, kluge Staatsmänner wie George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl, aber wohl auch eine glückliche Fügung den Weg geebnet hätten“; sagte Bundespräsident Horst Köhler. Angela Merkel würdigte den Mut der Menschen der ehemaligen DDR. „Wir haben am 9. November das Unmögliche als möglich erlebt.“

Der per Video zugeschaltete US-Präsident Barack Obama sagte, der 9. November 1989 werde immer einen ganz besonderen Platz im Herzen der Amerikaner haben. Der britische Premier Gordon Brown erklärte: „Zwei Europa sind jetzt ein Europa und dies ist nicht durch Politiker oder militärische Macht geschehen. Vielmehr ist es die unbeugsame Kraft der Berliner gewesen, die die Mauer zu Fall gebracht habe. Das zeigt: Kein Verbrechen, keine Ungerechtigkeit wird jemals ewig dauern.“

Für Aufsehen sorgt am Abend der Fall einer aus rund 1000 Steinen bestehenden Dominomauer, deren 2,5 Meter hohen Styroporsteine mehr als 15.000 Jugendliche weltweit in einem Projekt des Goethe-Instituts gestaltet hatten. Mehr als zwei Millionen Besucher nehmen insgesamt an den Feiern in Berlin teil.

In die Euphorie um die Feiern am 9. November mischen sich aber etliche kritische Stimmen: „Medienspektakel“, „Elitenveranstaltung“ und „Hochglanz-Gala“ sind nur einige der Äußerungen, die in Kommentaren und Leserbriefspalten deutscher Tageszeitungen zu lesen sind. Auf den Punkt bringt es die Leipziger Buchautorin Jana Hensel: „Die friedliche Revolution ist zu einem Event geworden, zu einer einem TV-Movie gleichenden Erinnerungsorgie, die sich wie kanonisiert über das Land zwischen Ostsee und Erzgebirge ergießt.“

In den Tagen rund um den 9. November überschlagen sich die Medien in der Berichterstattung zum Mauerfall. Auf vielen Extra-Seiten, in etlichen Dokumentarfilmen, Diskussionssendungen und Spielfilmen werden die Ereignisse rund um den Mauerfall aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und Bereichen der Gesellschaft zum Teil minutiös beschrieben.

Die wirklichen Gründe, warum die Mauer vor 20 Jahren überhaupt fiel, bringt Hans-Hermann Hertle auf den Punkt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und der laut „Spiegel“ gründlichste Mauerforscher Deutschlands sagt: „Der unbeabsichtigte Fall der Mauer entstand durch ein Zusammentreffen von unkoordinierten Entscheidungen der SED-Spitze, falschen Situationsdefinitionen der West-Medien, spontanen Entschlüssen von Fernsehzuschauern und Radiohörern sowie Ad-hoc-Entscheidungen der Grenzsicherungsorgane.“

Eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Einheitsfeier in Berlin Ende Oktober, zu der die 1989 amtierenden Staatschefs Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush zusammenkommen, nimmt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zum Anlass für grundsätzliche Kritik: „Es ist falsch, dass Altkanzler Helmut Kohl als derjenige hingestellt wird, dem Deutschland die Einheit zu verdanken hat.“ Die Rolle der früheren DDR-Bürger beim Mauerfall werde zu wenig gewürdigt.

In Brandenburg regiert seit Anfang November eine Koalition von SPD/Linken. Der Ministerpräsident und DDR-Bürgerrechtler Matthias Platzeck (SPD) wird dafür heftig beschimpft: Er habe Verrat an den Werten der Revolution von 1989 begangen, die Koalition sei eine Schande. Platzeck wirbt dagegen für Versöhnung: „Unser Land braucht endlich inneren Frieden.“

In Leipzig strömen am 9. Oktober mehr als 100.000 Menschen zum Lichtfest, das an die große Demonstration vor genau 20 Jahren erinnern soll. Die damalige Leipziger Demonstration mit 70.000 Teilnehmern, die von Volkspolizei und SED nicht gestoppt wurde, gilt für die viele Bürgerrechtler als der entscheidende Tag der friedlichen Revolution. Aufsehen erregt auf der Festveranstaltung der Bürgerrechtler Werner Schulz (Die Grünen) mit seiner Rede. Er sagte, die Bürgerbewegung der DDR sei keine Einheits-, sondern eine Demokratiebewegung gewesen.

Im Kino läuft ab Mitte November die Tragikomödie „Liebe Mauer“. Sie zeigt ein deutsch-deutsches Liebespaar im Herbst 1989.